Zwiegespräch mit dem Körper

Möchten Sie Focusing ausprobieren, so begleitet Sie dieser Text schrittweise:                                                          (als pdf herunterladen)

Vorbereitung

Sie sollten die Übung so ungestört wie möglich ausprobieren können. Und sie gelingt leichter, wenn Sie jeden Abschnitt vor dem Ausprobieren zuerst durchlesen. Überspringen Sie im Text, was für Sie nicht zutrifft. Das Focusing ergibt sich ganz natürlich, solange Sie spürbar die Verbindung zu Ihrem Körper aufrecht erhalten.

Ein Focusing können Sie von zwei Seiten her angehen: Entweder Sie wählen eine Situation und befragen den Körper dazu. Oder Sie treffen auf eine undeutliche Empfindung im Körper und möchten herausfinden, womit diese zusammenhängt.

Machen Sie es sich im Liegen oder Sitzen bequem, lassen Sie die Welt für eine Weile draussen stehen. Gönnen Sie sich diesen Moment des Abschaltens und richten die Aufmerksamkeit in sich hinein. Gehen Sie freundlich mit sich um, es kann eine Weile dauern, bis Sie in sich ankommen. Manchmal hilft ein bewusster langsamer Atemzug, manchmal das Gefühl, schwer zu werden, manchmal die Vorstellung, in ein warmes Bad einzutauchen - irgendetwas Angenehmes. Manchmal reicht die Frage „wie geht es mir eigentlich?“ schon aus.

Im Körper einen Freiraum schaffen, eine Art inneres Inventar erstellen
In sich begegnen Sie, was in dem Moment in Ihrem Körper aktiv ist: dem Nachklang des fröhlichen Festes am Abend zuvor, dem unerledigten Telefon, den Schmerzen im Rücken, dem Ärger über eine Bemerkung, der Sorge um eine Freundin, Unruhe oder Zeitdruck, der Freude auf die bevorstehende Reise. Alles ist gleichzeitig da. Sie sehen, hören, denken, fühlen und spüren das Angenehme wie das Unangenehme, Sie finden in sich Erwartetes und Überraschendes. Zu jedem Einzelnen, dem Sie in sich begegnen und das Sie fühlen, kommt ein Empfinden hinzu, das zu Beginn kaum fassbar ist. Es wird deutlicher, sobald Sie bei jedem ‚Ding‘ einen Moment warten und verweilen.

Benennen Sie die Dinge mit angenehmem Abstand. Das ermöglicht Ihnen, ohne zu werten anzunehmen, was da kommt:

  • Sie berühren die Gefühle, ohne sich darin zu verlieren: „da ist etwas Bedrücktes …… auch etwas Fröhliches„.
  • Hören Sie den Gedanken zu, ohne näher darauf einzugehen: ich sollte viel mehr Sport betreiben ….“ Was geistert im Kopf herum? Was überlegt,   diskutiert oder schnattert? Was daran ist erfreulich, beunruhigend, was dreht sich im Kreis?
  • Spüren Sie körperliche Schmerzen, ohne sich damit weiter zu beschäftigen: „die linke Schulter ist so verspannt …..“. Sie lindern nicht, entspannen   nicht, verbessern nicht. Sie nehmen die körperliche Befindlichkeit so hin, wie sie momentan ist.
  • Bennen Sie, was Sie bemerken, ohne zu überlegen: "die Sache mit dem Auto ...", "die Mail habe ich noch nicht beantwortet ....", "seine  Bemerkung von gestern ärgert mich immer noch ....", "die Gelenkschmerzen sind stärker ....".
  • Wie fühlt sich an, was Sie gerade beschäftigt: fröhlich, klebrig, trotzig, uralt, ärgerlich, traurig, frisch, müde, nervig, träge, …..?
  • Wie spüren Sie Ihre Grundstimmung oder Ihre Tageslaune?


Die Reihenfolge spielt keine Rolle. Manchmal taucht nur Weniges auf, manchmal Vielerlei, abhängig von Ihrer gegenwärtigen Verfassung und Lebenssituation. Übergehen Sie beim Sammeln das Frohe nicht. Der Körper trägt nicht nur die Probleme. Und er gewichtet anders als der Verstand. Lassen Sie keinen Anspruch entstehen, es müsse sich sofort etwas ändern. Kritisieren Sie nichts.
Akzeptieren Sie spürbar, dass alles erst mal so da sein darf, wie es sich zeigt. Es ist an der Stelle gar nicht wichtig zu verstehen, warum Sie so fühlen. Diese bewusste Auslegeordnung ist entlastend. Ihr Körper wird sich weniger müde, eng, schwer oder dunkel anfühlen; er atmet auf, entspannt sich. Überprüfen Sie, ob sich mit dem gespürten Aufzählen eine Art „Aah, das gibt Platz …. es wird leichter“ einstellt. Bevor Sie weitergehen, geniessen Sie diesen Zustand einen Moment lang.


Eine Sache auswählen und eine erste Antwort erhalten
Wählen Sie nun etwas von vorhin aus,

  • das Sie besser verstehen möchten
  • mit dem Sie einen Schritt weiter kommen möchten
  • das Sie auflösen oder entscheiden möchten.


Es kann jede Situation aus Ihrem Alltag sein, die Sie beschäftigt und die ‚unfertig‘ ist: am Arbeitsort, in der Familie, Zukunftspläne, bloss etwas Undeutliches, ein störendes Gefühl, körperliche Schmerzen.

Bei einem bekannten Problem schwingt gleich das daran bereits Bekannte mit. Das, was Sie darüber wissen ist, aber nicht vollständig. Im Körper schlummert noch ein Wissen, das an einer Lösung beteiligt sein kann.

  •  Lassen Sie die gewählte Sache im Körper wirken.
  • Warten Sie, bis „unter“ allem Bekannten daran eine ‚Felt Sense‘-Empfindung spürbar wird. Manchmal taucht an der Stelle sofort etwas Neues auf, manchmal dauert es einen Moment.
  • Greifen Sie nicht mit Denken ein. Fühlen Sie genau die Beschaffenheit des Empfindens. Wie lässt sich seine Qualität beschreiben. Wählen Sie das passende Wort.
  • Ist das Empfinden deutlich und beschreibbar, haben Sie eine erste körperliche Antwort. Diese formt sich zu einem Bild oder einem Gefühl oder einer Assoziation, oder eine Erinnerung ist geweckt, oder eine bestimmte Körperstelle rückt in den Fokus.
  • Lassen Sie sich die nötige Zeit. Fühlt sich dieses Neue körperlich stimmig an und können Sie es beschreiben, gehen Sie zum nächsten Abschnitt. Stimmt dieses Neue nur ungefähr mit der Empfindung überein, warten Sie einen Moment. Es wird sich einpendeln und wandeln, bis es genau passt. Sie fühlen es sofort, wenn es so ist.
  • Nun haben Sie neu hinzugekommene, vielleicht unerwartete Information auf eine Art, die Sie in in dem Zusammenhang nicht auf Anhieb  verstehen. Es macht noch keinen Sinn, ausser Ihrem Empfinden, das sich dabei gut anfühlt.

    Freuen Sie sich, das ist zwar ungewohnt, aber genau richtig so. Wenn sie’s bereits verstünden, wäre es nichts Neues.


Die körperliche Antwort entschlüsseln
Was Ihnen im vorangegangen Schritt das ‚Felt Sense‘-Empfinden gebracht hat, ist vergleichbar mit einer ZIP Datei im Computer. Alle Information ist da, aber so kompakt weder verständlich noch brauchbar.

  • Halten Sie mit einer inneren Wachheit einfach den Kontakt, bleiben Sie nahe am Empfinden. Ungefähr so, wie wenn Sie mit dem Zoom einer  Kamera näher herangehen würden.
  • Es sollte Sie ein bisschen neugierig machen, was da Neues ist.
  • Bleiben Sie solange dabei, wie sich dieses Verschlüsselte verändert, mehr kommt, es sich bewegt.
  • Pendeln Sie gefühlsmässig hin und her zwischen Ihrer am Anfang ausgewählten Sache und dem Körper.
  • So oft es passt, fragen Sie, wie oder was genau damit gemeint ist und warten auf die weitere Reaktion. Achten Sie darauf, dass nicht der  Verstand die Antwort gibt, sondern dass sie aus dem Körper kommt. Sie spüren den Unterschied sofort.
  • Vermeiden Sie Fragen, die mit Warum beginnen und solche, die mit Ja oder Nein zu beantworten sind.
  • Die Fragen Wie, Was und Wo hingegen öffnen die verpackte Antwort Schritt für Schritt. Der Körper antwortet in Bildern, Gefühlen, Körpersignalen, Tönen oder gar Gerüchen, mit Erlebnissen und Erinnerungen an andere Situationen. Bei jeder Pause warten Sie aufmerksam, was noch kommt. Vielleicht nicht so und nicht das, was Sie erwartet haben.
  • Stellen Sie Ihre Vorstellung zur Seite und überprüfen die Richtigkeit der Antwort mit dem Nachspüren im Körper.
  • Lassen Sie sich nicht auf innere Kritik und störende Kommentare ein. Bleiben Sie wohlwollend, freundlich, offen, interessiert.
  • Wenn Sie den Faden verloren haben, kehren Sie an die Stelle zurück, wo es sich noch lebendig anfühlte.
  • In diesem Prozess führt der Körper. Ihr Verstand hat die Aufgabe, genau zu beobachten, zu benennen, dem Körper offene Fragen zu stellen und das Erleben zu formulieren.
  • Sie können Ihren Körper auch fragen, was zusätzlich hilfreich wäre. Oder wie sich Ihre Sache gelöst anfühlen würde, ohne dass Sie die Lösung wissen müssen. Der Körper hat die Fähigkeit, Fehlendes zu ergänzen, um das Focusing abschliessen zu können.

    Sie merken natürlicherweise, wenn Sie am Ende des Focusing angelangt sind. Die nötige innere Aufmerksamkeit lässt nach, das darüber  Nachdenken setzt ein. Oder Sie haben das Gefühl, für den Moment alles über Ihre Sache erfahren zu haben, was möglich war. Der Körper scheint  zufrieden, atmet auf, fühlt sich merklich anders als vor der Übung.



Das Focusing beenden
Schliessen Sie nicht abrupt ab. Bleiben Sie noch eine Weile im Körper und sinnieren Sie dem Erlebten nach. Oft passiert dadurch der letzte Schritt zum zufriedenstellenden Abschluss.Fassen Sie zusammen, was Sie dazu gewonnen haben.

  • Was war Ihnen bereits bekannt, was ist neu, überraschend?
  • Entstand etwas Konkretes, das Sie als Folge Ihrer Focusing-Erfahrung umsetzen möchten?
  • Anerkennen Sie gewonnene Informationen als angebotene Möglichkeit, nicht als Zwang.
  • Schützen Sie frische Ideen, Gefühle oder Hinweise vor Selbstkritik oder fixierten Meinungen. Geben Sie dem Neuen eine Chance. Und sich selber Zeit, Erkenntnisse zu integrieren.


Das innere Erleben ist nicht entweder-oder, richtig oder falsch, es ist ein stetiges Wachsen in kleinen Schritten. Empfehlenswert sind ein paar Notizen, dank denen Sie Veränderungen in den nachfolgenden Tagen besser zur Kenntnis nehmen können. Eine Focusing Erfahrung kann lange nachwirken und weiter arbeiten.